Kabinengeflüster XXVII- SVENinho, Bachramow und die großen Schuhe des Vaters

20. Mai 2011

weise_gottfriedEigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass es Sven Küchler nicht weiß: Männer an der Linie haben es nur selten zur Berühmtheit gebracht. Und wenn – dann, aus deutscher Fansicht, nur zur traurigen Berühmtheit.

So beeinflusste der schnurrbärtige Linienrichter Tofik Bachramow aus Baku 1966 ganz wesentlich das „dritte Tor“ beim 4:2-WM-Finalsieg der Engländer über Deutschland. Seitdem gilt das Wembley-Tor als Symbol für strittige Treffer: Ball vor, auf oder hinter der Linie?


Das betrifft Bundesliga wie Alte Herren. Der Job an der Linie bringt weniger Lob als viel mehr Prügel mit sich. Doch Sveni negiert diesen Fakt offenbar tapfer.

Seit gut einem Jahr spielt der 49jährige Linksfuss recht vergnügt den Fluglotsen bei der Kleinfeld-Fortuna. In unterschiedlichen Rollen. Mal mimt er den witzigen Fieldreporter: „Müllex ist drauf und dran seine Jokerchance zu verpassen, weil er Uhr, Goldkettchen und Piercing nicht rechtzeitig abwerfen kann.“ Mal flüstert er seinen 7er-Altliga-Kollegen die Warnung durch die grüne Fortuna-Brille: „ Achtung, Presse im Anmarsch…“ Mal haut er auch selbst in die Computertasten und zeigt sein Talent als Berichterstatter: „ Hin und wieder, nach Spielen bei den 40ern auf dem Großfeld.“ Mal muss sich Sven auch ernsthaft wehren – wie jüngst beim Torespektakel in Grünau.

Da heißt es auch beim 4:5: Ball vor, auf oder hinter der (Seiten-)Linie ? Als Sven einige Male gegen sein Meisterteam entscheidet, provoziert er eine wilde Rudelbildung. Es ist die heiße Schlussphase, in der Fortuna eine 4:3-Führung und vorübergehend die Nerven verliert. Allein Schicki bleibt cool und verteidigt Biesdorfs Mann an der Linie: „Sven laß`dich nicht verbiegen.“ Mit etwas Abstand und einem Augenzwinkern entgegnet der Gescholtene: „ Ich habe den Amtseid geleistet. Danach muss ich handeln.“ Und ernsthafter: „ Kann einfach nicht flunkern. Da käme ich in Gewissenskonflikte.“

Nun ist es nicht so, dass sich Sven bei der Fortuna nur die Tätigkeit als Linienrichter vorstellen könnte. Zwar macht es ihm in der „guten und kameradschaftlichen Truppe“ auf dieser außergewöhnlichen Position Spaß. Aber klar ist auch, dass er ohne seine „zwei Operationen am linken Knie“ um einen Platz im Team des neuen Berliner Meisters gerungen hätte. Doch schon seit gut einem Jahr kann er die positive Entwicklung seiner Mannschaft nur als Schiedsrichterassistent verfolgen. Schlagzeilen wie „SVENinho war geboren“ ( nach einem Samba-Hacken-Tor im Dezember 2008) liegen schon länger zurück. Glaubt er an ein Comeback ? „Ich bin selbstkritisch genug und sehe auf dem Kleinfeld keine Chance mehr, aber auf dem großen Platz schon. Trotzdem will ich mich im Training nicht unter Druck setzen.“

Training, Leistungsbereitschaft, Willenskraft – damit wurde Sven schon früh in  „einer sportlichen Familie“ konfrontiert. Mutter Hildegard war diplomierte Sportlehrerin – ebenso der Vater. Doch Hans Küchler schaffte es auch bis in die Spitze des DDR-Fußballs.

Er kickte von 1954 bis 1967 für Chemie Chemnitz, ASK Vorwärts Berlin, Chemie Halle und Lok Stendal in der Oberliga. Von den 196 Spielen  bestritt der 8fache B-Nationalspieler die meisten „Draußen am Hölzchen“, am Rande des Altmarkstädtchens Stendal. Es war die Zeit, als neben Vater Küchler die Nationalspieler Ernst Lindner, Gerd Backhaus oder Kurt Liebrecht mit der Lok-Elf bis ins Pokalfinale 1966 gegen Chemie Leipzig einzogen (0:1). Der gelernte Stürmer, umfunktionierte Läufer und spätere Abwehrchef  beendete schließlich nach 126 Spielen im Trikot der „Eisenbahner“ seine erfolgreiche Karriere. Sven war damals fünf Jahre.

Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm. „Vater war bei den Kindern mein erster Übungsleiter“, erinnert sich Sven und schmunzelt: „ Mit sechs Jahren bekam ich den ersten Ausweis.“ Noch talentierter war der zwei Jahre jüngere Bruder Jens, „doch ihm fehlte der richtige Ehrgeiz.“ Einzig die ältere Schwester Diana hatte mit „Sport und Fußball weniger am Hut“. Dagegen verfolgte Sven zielstrebig seinen Weg, inzwischen geformt von einer weiteren Stendaler Ikone – Albrecht Strohmeyer. Er nennt ihn nach wie vor respektvoll „Herr Strohmeyer“. Er schafft es in die Bezirksauswahl. Das Nahziel winkt: Kinder – und Jugendsportschule Magdeburg.

„Ich war zu blind“, sagt er heute leicht sarkastisch nach dem ersten richtigen Schock in seinem Leben und klärt auf: „ Sehkraft Minus 5. Damit hatte ich keine Chance. Aber ich wollte nicht aufgeben. Meine Mutter fuhr mit mir noch einmal in die Charité. Doch dort wurden die schlechten Werte nur bestätigt.“ Bitter, denn alle sportlichen Hürden hatte Sven zuvor souverän gemeistert: „ Alles war eigentlich klar. Schon mein Zimmer stand fest…“ Ein guter Linksaußen wie der Magdeburger Martin Hoffmann zu werden – das musste er sich abschminken. Aber immerhin klopfte Küchler Junior mit zarten 17 Lenzen im Trikot von Lok Stendal noch einmal an die zweitklassige Liga-Tür. „Ich war dabei, aber nicht mittendrin“, relativiert der Altmärker und lobt seinen Trainer Peter Güssau, einen früheren Topstürmer: „ Ihm habe ich die zwei Einsätze im Aufstiegskampf zu verdanken.“

Letztlich erwiesen sich die Schuhe des Vaters Hans Küchler  doch als zu groß…

So konzentrierte sich Sven fortan auf seine berufliche Entwicklung: Einjährige Facharbeiterausbildung in Rosslau bei Dessau. Statt Sportstudium („Die Sehschwäche machte das hinfällig“) an der Berliner Humboldt–Universität  vierjähriges Studium zum Dipl.-Ökonom. Es folgten sechs Jahre Finanzministerium und inzwischen 20 Jahre EDV-Systembetreuer bei der Linde AG, „ einem in Deutschland und Europa führenden Industriegasproduzent, der zum Beispiel Luftzerlegungsanlagen in China baut.“ Beruflich sind auch die beiden Töchter auf einem guten Weg. Anne,26 („Die Große“), hat ein fünfjähriges Studium hinter sich und „macht jetzt eine Ausbildung als biotechnische Assistentin durch“. Katja, 24 („Die Kleine“), absolviert ein Master Studium der Biologie.

Sven gibt freimütig zu: „ Das Volleyballtalent hat Katja von ihrer Mutter, die auf der KJS beim TSC Berlin war. Mit dem Schweriner SC wurde sie später deutscher A-Jugend-Meister.“

Meister wurde nun auch der Vater – mit der Fortuna in der Berliner Verbandsliga .Zum Fußball in Berlin fand Sven schon während seines Studiums. Bei Autotrans traf er auf seine heutigen Mitspieler Jockel Rieck, Micha Schuth und Neutrainer Jürgen Hinz. Die Stars im damaligen Team von Peter Rentzsch waren „Detlef Helms und Reinhardt Schwerdtner  mit Oberligaerfahrung und internationalen Einsätzen.“ Danach folgte das „Grüne Abenteuer“ mit der Biesdorfer Fortuna, wo ihn bis heute „der prima Zusammenhalt“ gefällt. Deshalb macht er auch vorübergehend mit Engagement und Laune den Job als Mann an der Linie. Ohne im Mittelpunkt zu stehen. Eigentlich ist ihm schon diese Kolumne und das damit verbundene Interview unangenehm gewesen. Als hätte er damit schon ein Stück zuviel Vertrautheit preisgegeben, ging er schnell wieder auf gewohnte (und keineswegs unangenehme) Distanz: „…Auf Wiederhören.“

10 Fragen an den „Fluglotsen“ der Fortuna – an Sven Küchler

Was bedeutet Dir Fussball? Im allgemeinen der Sport und im besonderen der Fußball – sie prägen Werte: vor allem Fairness und Respekt gegenüber dem Konkurrenten.

Dein Erfolgsgeheimnis ? Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit, das Sich-Überwinden-Können.

Was motiviert Dich ? Das Messen im sportlich fairen Wettkampf.

Worüber kannst Du Dich aufregen ? Über Ungerechtigkeit, Unfairness, über nicht zu tolerierendes Verhalten.

Deine Lieblingsmannschaften ? Von Stendal haben wir natürlich auf die erfolgreiche Magdeburger Mannschaft geschaut, die mit Zapf, Seguin, Sparwasser 1974 Europacupsieger der Pokalsieger wurde.

Deine Fußballidole aus der Kindheit ? Ja, ich wäre gern so einer geworden wie Martin Hoffmann – ein torgefährlicher Linksfuß, mit 19 schon Europacupgewinner und Torschütze bei der WM 1974.

Deine persönliche Sternstunde ? Als Nachwuchsspieler habe ich mit der Bezirksauswahl Magdeburg ein Vorspiel bestritten. Vor 30 000 im Ernst-Grube-Stadion zu spielen, das hat natürlich Riesenspaß gemacht. Danach lief der 1. FC Magdeburg mit all seinen Assen auf. Ein unvergessliches Erlebnis.

Deine größte sportliche Niederlage ? Es war schade, dass wir mit der Fortuna nicht schon im Vorjahr Berliner Meister geworden sind. Diese Chance haben wir leider in der Schlussphase verspielt. Privat ist es das Scheitern meiner Ehe.

Was würdest Du als Bundestrainer sofort machen ? Wenn ich Jogi Löw wäre, würde ich Michael Ballack klaren Wein einschenken. Es wäre fair zu sagen: Du hast viele Verdienste um den deutschen Fußball im letzten Jahrzehnt, aber du hast den Zenit überschritten. Die Jugend drängt geballt nach und hat mein Vertrauen. Das wäre eine klare Linie von Jogi Löw.

Dein Lebensmotto ? Wie Olli Kahn empfiehlt: “Immer weiter, immer weiter!“ Sind die Probleme auch noch so groß, ein neuer Tag bringt eine neue Herausforderung.

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