Kabinengeflüster VI (Kolumne von Gottfried Weise)

21. April 2008

Henry und Vaters Traum vom kleinen Mozart

weise_gottfriedEr hatte über die volle Zeit nahezu ähnlich viel zu tun wie Oliver Kahn bis zur 30. Minute im DFB-Pokalfinale – nämlich so gut wie nix. Es wäre kaum aufgefallen, wenn Keeper Henry Rembach gegen Adlershof die Coaching-Zone verstärkt hätte (die allerdings mit Doc Gerhard Schreiber, „Fähnrich“ Heiko Schickgram und Zensor Micha Schuth schon hochkarätig besetzt war). So blieb Old Henry doch lieber in seinem Tor.

Angesagt war Frieren statt Lamentieren. Immerhin brauchte sich der Lange mal nicht „über eigene Fehler ärgern“ oder „am ganzen Körper zittern“, wenn „die Blinden da vorne die Kiste nicht treffen“.

 Vor so einem Stress bewahrten ihn diesmal seine Männer. Abwehrchef Jürgen Hinz gab dem Spiel der Fortuna Struktur (ohne jedoch die Kollegen konsequent auf die Umgehungsstraßen zu lotsen), Capitano Jockel Rieck entdeckte verschüttete Fähigkeiten, als er eine Musterflanke von André Weise einnickte („ Ich fass es nicht`. Das erste Kopfballtor seit Jahren“). Raimund Kluge vermittelte mit einem variablen Tore-Doppelpack der staunenden (und teilweise zweifelnden) Kundschaft: „ Links oder rechts, spielt bei mir keine Rolle“. 9 Tore als Defensivmann, Respekt! Am meisten erwärmte Henry an diesem kalten Abend „Peter III.“ Nach Pleiten, Pech und Pannen – ein Dreierpack von Peter Wichmann. Zurück in der (Tore-)Erfolgsspur. Auf Augenhöhe mit dem langzeitverletzten Micha Schuth – beide liegen mit 10 Treffern vorn. Und dieses Triple, laut Artikelschreiber Schuthi, hatte der Mecklenburger mit dem gesunden Ego sogar angekündigt. So etwas traute sich in verblichenen Oberligazeiten zwischen Wismar und Greifswald nur der abgebrühte und coole Torjäger Achim Streich. Frag nach beim einstigen Hanseaten Wolle Wollschläger!

 Tore waren noch mehr drin – auch für Sveni Küchler (toller Kopfball!) oder Fredy Köntopf. Nur einer durfte kaum am Spiel teilnehmen – Torwart Henry. Die Stirn ohne Schweissperlen, das Trikot fast noch schrankfertig. Er konnte es selbst nicht sofort realisieren: „Irre. Ich hab`im Prinzip keinen richtigen Ball auf die Kiste bekommen.“ Augenzwinkernd legte Fortunas „Titan“ nach: „ Auch super, wenn du am Ende mal nicht der Dumme bist…“

 O ja, ich habe den riesigen Keeper (1,95 m) in der Kabine auch schon anders erlebt: genervt, gefrustet. Nach Niederlagen, nach vermeintlichen eigenen Fehlern. Da muß er dann auch schon mal eine nicht so tolle Kritik wie diese vom 20. Spieltag gegen Berolina Mitte (2:3) positiv verarbeiten: „Ein fehlorientierter Torhüter und schon stand es nur noch 2:1“. Der 48jährige Henry Rembach ist überzeugt: „Kritik gehört zu diesem Job. Da muß man durch. Du darfst nicht zu sensibel sein.“ Schon als sechsjähriger Bengel lockte ihn bei Fortuna Biesdorf diese Position, wo es heißt: Tor oder nicht Tor, Beifall oder Pfiffe. „Mich hat keiner ins Tor getrieben“, klärt

Henry auf: „ Ich wollte das von Anfang an, das war mein Ding.“ Glaubhaft bringt er das mit jungenhafter Begeisterung rüber: „ Es reizte mich einfach, dort zu stehen, wo Du einen Sieg aus dem Feuer reißen kannst.“

 Und nicht nur einmal verhinderte Henry in dieser Saison mit tollen Reflexen eine höhere Niederlage oder sicherte einen bemerkenswerten Dreier. Beispiele gefällig: 6. Spieltag bei Hürriyet (0:1). Im Artikel heißt es: „Glück für Fortuna, dass H. Rembach sein Tor bei mehreren Schüssen aus der Halbdistanz sauber halten konnte…“; 19. Spieltag bei Adler Berlin (1:0). Im Bericht dazu wird bemerkt: „ Adler kam in der 53. und 55. Minute jeweils mit Torschüssen aus 8 und 10 Metern zu zwei guten Tormöglichkeiten, die jedoch H. Rembach erstklassig parierte.“ In der Halbzeitbilanz stellte Chronist Schuthi fest: „Insbesondere bei Henry Rembach wog das Fehlen besonders schwer, denn einen ebenbürtigen Ersatz für den stets zuverlässigen „Langen“ konnte Fortuna in den schweren Spielen nicht wirklich aufbieten.“ Er ist noch immer mit innerem Feuer dabei, will weiter die Position mit der Nummer 1 leidenschaftlich verteidigen; nach dem Motto: „Torwart – ein ganzes Leben lang.“

 Das sah ein gewisser Ernst Rembach zunächst ganz anders. Der Vater, ein angesehener Musikdirektor, wollte natürlich, dass der Nachzügler Henry in seine Fußstapfen tritt. Immerhin spielten die 9 bzw. 10 Jahre älteren Schwestern Brigitte und Marlies schon gekonnt auf Klavier und Gitarre. Im Kleinen Henry könnte ja das große Talent des Vaters oder gar noch mehr schlummern „Er schickte mich schon mit fünf Jahren auf die Musikschule“, erzählte Henry. „Am liebsten hätte Vater aus mir einen kleinen Mozart gemacht.“ So schulterte der kleine Steppke – „erst mit 10 schoß ich ein wenig in die Höhe“- ein Jahr lang das „Weltmeister“-Akkordeon „mit den 80 Bässen“. Schließlich mußte Ernst Rembach, der „Karajan des Hauses“, nach zwölf Monaten feststellen: Der Junge ist nicht mit vollem Herzen bei der Musik. „Ich war nicht unbegabt, aber ungeduldig“, blickt Henry zurück. So blieben die fürsorgliche Mutter Editha und er die einzigen „Nichtaktiven“ in der musikalischen Familie Rembach. Vater Ernst, erfolgreicher und bekannter Arrangeur der Werke von Schostakowitsch oder von Suppé, dirigierte noch vor einem Jahr mit stattlichen 87 als Chef das Seniorenorchester Reinickendorf. „Er schreibt immer noch Partituren“ erzählt der Sohn mit großem Respekt: „Für die Berliner Musikanten und andere kleine Orchester.“

Sein „Orchester“ ist bis auf eine Ausnahme Fortuna Biesdorf. Mit 6 begann er als Torwart, als 12jähriger spielte er mit Detlef Helms (Später Union, BFC ) in der Lichtenberger Auswahl und gewann bei der Kreisspartakiade Gold. Auf dem Weg zur KJS „bin ich ganz schlicht durchs Sieb gefallen.“ Dafür kam er schon mit 17 in der 1. Männermannschaft der Fortuna zum Zuge. „Peter Brehlow und Hotta Bohnert waren damals die Cracks“, erinnert sich der Mann, der auf „großem Fuߓ (Schuhgröße 46) lebt. Nach der Wende wagte er mit 32 den Wechsel zu Alemannia 1890 nach Reinickendorf, wo man mit 16 Neuzugängen („die Hälfte kam aus dem Osten, darunter Randt und Hoffmann von Rotation Berlin.“ „Die anderthalb Jahre waren schon eine spannende Zeit“,

bilanziert der gebürtige Biesdorfer und ergänzt: „ Als Ossi im Westen, das hatte schon seinen Reiz. Man hat zwar schnell mitbekommen, dass die Wessis auch nur Fußball spielen. Aber das ganze Drumherum, der Auftritt der Sponsoren, das war schon neu und interessant für uns aus dem Osten.“ Der sportliche Erfolg ? „Aufstieg unter Trainer Ruttig 1991/92 von

der Kreisliga in die Bezirksliga.“ Auf Dauer war die Belastung – „dreimal in der Woche zum Training von Hellersdorf nach Reinickendorf“ – nicht zu stemmen. So kehrte der „verlorene Sohn“ wieder zu seiner Fortuna zurück.

 Diese Langzeit-Ehe toleriert auch seine Frau Pamela. Die Finanzkauffrau ist „recht oft bei den Heimspielen dabei“ und hält sich „so zweimal die Woche mit Aerobic fit“. Die 21jährige Tochter Jennifer „hat von jedem etwas“, schätzt der stolze Vater ein und unterstreicht: „ Das Sportliche hat sie schon mehr von mir.“ Immerhin gehörte Jennifer Rembach einst zu den Volleyballtalenten beim Bundesligisten Köpenicker SC. Inzwischen gilt ihre größere Aufmerksamkeit „dem Studium für Humangeographie in Marburg.“

 Es könnte gut sein, das der liebe Pappi sie eines Tages mit einer ganz verrückten Idee überrascht („Klar haben alle Torhüter eine kleine Macke“).

Denn: „Mein Hobby ist Motorradfahren.“ Jeden Tag fährt der gelernte Lüftungsmonteur mit seiner koreanischen Daelim 125 die 43 Kilometer (one way!) zur Firma „Varioclean“. Warum nicht auch mal bis Marburg?

 

10 Fragen an den verhinderten Musiker Henry Rembach

 

Was bedeutet Dir Fußball ?  Gehört einfach zu mir. Hat nach der Familie den größten Stellenwert.

Dein Erfolgsgeheimnis ?  Ich kann mich durchbeißen. Das brauchst du auch, wen du als Torwart nicht jahrelang auf der Bank hocken willst.

Was motiviert Dich ? Meine Frau. Sie ist der Rückhalt in 24 Ehejahren. Sie toleriert meinen Sport. Eine schöne Sache.

Worüber kannst Du Dich aufregen ?  Über meine eigenen Fehler, die zu Gegentoren führen. Da zittere ich manchmal am ganzen Körper.

Deine Lieblingsmannschaften ?  Früher war ich ein Magdeburg-Fan. Jürgen Pommerenke, Paule Seguin, Maxe Steinbach oder auch Keeper Heyne, die fand ich toll.

Jetzt stehe ich zu Schalke. Was hab`ich da gelitten, als Königsblau in der Saison 2000/2001 den Meistertitel noch in der Nachspielzeit an die Bayern verlor.

Deine Fußballidole aus der Kindheit ? Natürlich Torhüter. Jürgen Croy und Sepp Maier. Die waren beide Weltklasse, haben sich nicht viel genommen. Croy fand ich einen Tick eleganter. Maier war in meinen Augen, na klar, spaßiger, aber auch etwas robuster.

Deine persönliche Sternstunde ? Der Aufstieg mit Alemannia 1890 Reinickendorf 1991/92 von der Kreisliga in die Bezirksliga. Eine schöne Zeit, obwohl wir nur auf Schlacke gespielt haben. War unter Trainer Ruttig eine gute Truppe. Ein gelungenes Ost-West-Fusion.

Deine größte sportliche Niederlage ?  Der Abstieg mit Fortuna Biesdorf als 19jähriger. Das war bitter. Es dauerte 10 Jahre bis zum Wiederaufstieg.

Was würdest Du als Bundestrainer sofort machen ?  Alles so belassen wie es ist. Entscheidene Weichen wurden schon im Vorfeld der WM 2006 gestellt. Da ziehe ich den Hut, was Klinsmann und Löw strukturell vorangebracht haben. Jens Lehmann, die Nr. 1, das ist okay, ist geklärt. Obwohl es in Deutschland viele gute Torhüter gibt, hat er natürlich die meiste internationale Erfahrung.

Dein Lebensmotto ?  Leben und leben lassen. Das letzte Hemd hat keine Taschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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