Kabinengeflüster V (Kolumne von Gottfried Weise)

31. März 2008

Jürgen Hinz macht nicht alles mit links

weise_gottfried

Er ist einer der meistbeschäftigten Spieler in der Kabine. Vor dem Match teilt Jürgen Hinz Protokollblätter aus, sammelt die Pässe ein. Wie es dazu kam ? „Gerdchen, unser Trainer, meinte eines Tages, jeder muß etwas machen“, klärt der ruhig und besonnen wirkende 49jährige Defensivmann auf: „ Ja, so ist die Sache bei mir hängengeblieben.“ Er sieht darin aber auch einen positiven Nebeneffekt: „  Das lenkt ab, der Kopf bleibt frei…“

In der Tat:  Das scheint sich sofort 100 Pro auf die gesamte Crew von Coach Dr. Gerd Schreiber zu übertragen. Henry Rembach, Matchwinner in der Vorwoche bei Adler, sieht präsente und dominante Spielgestalter vor sich: Wolle Wollschläger  und Jürgen Hinz. Über die rechte Außenbahn entwickelt Capitano Jockel Rieck enorm Druck und legt für André Weise auf, der seine Links-Fraktion im Verein mit dem ersten „linken“ Tor der Saison überrascht. Offensivpartner Peter Wichmann ist  viel unterwegs, reißtwichtige Lücken . Drei Minuten später ballert der reinrassige Linke, Raimund Kluge, das Kügelchen mit Schmackes in den Winkel. Adäquat seine Jubelarie. Wow! 2:0 nach 12 Minuten! Coach Dr. Gerd Schreiber riskiert die ersten Wechsel, bringt die engagierten Sveni Küchler und Fredy Köntopf .Doch irgendwie geht die Struktur verloren, stellt die Fortuna den Spielbetrieb fast ein. Das scheinbar kontrollierte Kombinationsspiel ist ohne Spannung und Dynamik. „Dann kassieren wir das blöde 1:2“, schüttelt Jürgen Hinz, der im linken Mittelfeld begann und später als Abwehrchef agierte, nur den Kopf. „Danach haben wir das Spiel einfach nicht in den Griff bekommen. Mehr und mehr haben alle verrückt gespielt, auch die an der Linie.“

 Oben, im Casino von Georg, dessen Qualität mit englischen Pubs vergleichbar ist, erleben nicht nur Hansa-Fans unter den geklatschten Fortunen eine zweite Leidenszeit. Auf der Premiere-Leinwand versetzt der eingewechselt Pole Jacek Krzynowek den Rostockern in der ultimativen Minute den 0:1-Schock. In ähnlicher Gemütslage müssen sich vor einer Woche die Kicker vom SV Adler Berlin vorgekommen sein, als Jürgen Hinz – wie Krzynowek ein Linksschütze – cool mit seinem 6. Saisontor in der 59. Minute den 1:0-Auswärtserfolg sicherte.

 Diesen Ehrgeiz – und auch die Präzision –  entwickelt der blonde Knabe bereits Ende der Sechziger im Friedrichshain. Die Spielwiese ist der Hof in der Kopernikusstraße. Als Jürgen und der ältere Bruder Werner die Scheiben einschießen, wird es Mutter Gertraud zu bunt. Jürgen erinnert sich: „ Das ging ihr über die Hutschnur, brachte ja auch Ärger mit den Nachbarn und kostete Geld. Werner, meine Atze, nahm mich mit zu  Bero.“ Ab 1969 profitiert der 11jährige Knirps von der guten Nachwuchsarbeit bei Berolina Stralau. In dieser Zeit erlebt er, wie Bernhard Jonelat und Bernd Brillat  von Bero den Sprung zum BFC Dynamo packen. Er selbst „spielt bis auf Torwart eigentlich alles“, blickt Jürgen Hinz zurück. Doch schon als Schüler-Fußballer  war er „auf linker Verteidiger oder Libero  festgelegt“. Mit Bero sammelte er eine ganze Kollektion an Spartakiade-Medaillen. Und vor allem lernt und begreift er sehr früh, was ihm die Übungsleiter ins Fußball-Stammbuch schreiben: „Du wirst nicht der große Dribbelkönig, also konzentriere dich auf den klaren Pass und deine linke Klebe.“ 

 So lernt Papa Siegfried beim Gaudi-Match „Vater gegen Söhne“ seinen Bengel als talentierten und ehrgeizigen Linksfuß  kennen. Die anderen Brüder, Manfred, Olaf und Andi, hatten wenig mit Fußball am Hut. Eigentlich auch der Vater nicht. „Aber bei so einem Spaß war er natürlich dabei“, erzählt Jürgen stolz, wenngleich Vaters Liebe dem Boxen gilt. „ Muhammad Ali gegen Joe Frazier, das war seine Welt. Da hat er  keinen Kampf verpasst und sich immer früh den Wecker gestellt…“

 Inzwischen läuft die Uhr für Jürgen Hinz  bei Berolina Stralau ab, wo „den jungen Talenten nicht mehr das notwendige Vertrauen“ entgegengebracht wird. Er wechselt zu BVB, zieht in dieser Zeit dreimal ins Berliner Pokalfinale ein, „wo ich einmal gegen Ralf Strässer spielte, später Meister mit Dynamo und sogar Torschützenkönig.“ Die nächste Station: Auto Trans Berlin, Aufstieg in die Bezirksliga Ende der Achtziger unter Peter Rentzsch. Die Stars: Torhüter Reinhardt Schwerdtner und Offensivspieler Detlef Helms, beide mit Oberligaerfahrungen beim BFC, Union und Cottbus. Doch bei ATB trifft er auch die jetzigen Kollegen Jockel Rieck, Micha Schuth und Sveni Küchler .

 Mit dem Capitano Jörg Rieck ist er enger zusammen. „Jockel ist ja auch ein feiner Kerl“, lobt J.H. seinen Kumpel und verteidigt ihn: „ Er schont den Gegner nicht, aber auch nicht sich selbst.“ Dies kann keine Devise mehr für den (Fast-)Fünfzigjährigen „Protokollanten“ Jürgen Hinz sein, der an Fußball-Abschied denkt: „Beide Knie sind operiert, ich muß überlegen, ob ich bei der Ü50 weitermache.“ Und der Dauerbrenner (auf 19 Einsätze kommt nur noch A. Weise) nennt noch einen anderen Grund: „Wir sind keine Fußballprofis. Ich muß auch an meinen Job denken, der von mir schwere körperliche Arbeit verlangt.“In der Firma Gebäudeservice von Mario Wodara, „der als ausgebildeter Trainer natürlich viel Verständnis für den Fußball aufbringt“, ist der gelernte Heizungsbauinstallateur in der Abteilung von Bauleiter Frank Paege „mit Malern, Fußbodenverlegungen oder Trockenbauarbeiten beschäftigt.“

 Handwerk hat Goldenen Boden – danach handelten auch die Söhne. Stephan, der Ältere, ist ebenfalls gelernter Heizungsbauinstallateur und „wie ich ein Linkspatsch, im Mittelfeld, bei Bau Union.“ Christian, Kfz.-Mechaniker, schlägt aus dem Rahmen, „ist ein Rechtsfüßler, spielt bei Nordost.“

Drei Fußballer im eigenen Wohnzimmer – wie kommt Ehefrau Martina damit klar ?  Die gelernte Erzieherin „toleriert unser Fußballspiel“. Auch dann, wenn  der Ehemann neben der Last der Niederlage noch den Koffer mit verschwitzen Fußballklamotten der gesamten Truppe nach Hause bringt. Jürgen:“ Heute sind wir halt damit dran…“

 

10 Fragen an den „Linken“ Jürgen Hinz

 

Was bedeutet Dir Fußball ? Kommt gleich nach der Familie. In der Freizeit der Mittelpunkt.

Dein Erfolgsgeheimnis ?  Der Ehrgeiz mit fast 50 gegen die Jungchen nach wie vor zu bestehen. Erfahrung ist mein Pluspunkt.

Was motiviert Dich ?  Wenn das Umfeld stimmt, auch die Chemie zwischen den Spielern. Bei Fortuna ist das der Fall. Wären meine Knie noch okay, dann würde ich bis zum Umfallen in dieser Truppe spielen.

Worüber kannst Du Dich aufregen ? Wenn schnell pauschal geurteilt wird. Meist hat doch eine Niederlage mehrere Ursachen. Da wir keine Profis sind, ist der Fitnesszustand von Spieltag zu Spieltag unterschiedlich. Dazu kommen bei dem einen Streß im Beruf, beim anderen in der Familie. Verletzungspausen machen ungeduldig. So etwas blockiert natürlich die Köpfe.

Deine Lieblingsmannschaften ? In den Siebzigern war ich ein Gladbach-Fan. Diese junge Fohlen- Mannschaft mit Netzer, Heynckes, Vogts, Simonsen oder Stielicke spielte ja auch einen mitreißenden Fußball. Ich erinnere mich noch an die verrückten Spiele  gegen Liverpool mit Keegan. Selbst habe ich am liebsten bei Auto Trans gespielt und jetzt bei der Fortuna in Biesdorf.

Deine Fußballidole aus Der Kindheit ? Zu Oberligazeiten Hansa Rostock  mit dem jungen Torjäger Achim Streich und dem Sprinter Gerd Kische in der Abwehr. Später imponierte mir die siebziger Nationalmannschaft mit Franz Beckenbauer, die Europa –

und Weltmeister wurde.

Deine persönliche Sternstunde ? 

Der Aufstieg mit der 1. Männermannschaft von Fortuna Biesdorf 1990/ 91 aus der Landesklasse in die Landesliga. Das war schon ein echtes Highlight.

Deine größte sportliche Niederlage ?

Der Abstieg mit BVB. Es war das erste und letzte Mal in meiner Laufbahn.

Was würdest Du als Bundestrainer sofort machen ? Ich würde einen der jungen Torhüter mit zur EM nehmen, beispielsweise Manuel Neuer. Das hätte Signalwirkung: Hallo, mit Leistung kann man schon relativ früh allerhand erreichen.

Dein Lebensmotto ? Ordnung ist das halbe Leben. Das hat uns fünf Jungs schon Mutter Gertraud früh beigebracht.

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